Präsidenten

Es ist einsam um unseren Bundespräsidenten Joachim Gauck geworden. In dem einem Sternenhimmel gleich ausgeleuchteten Kabinettsaal in der Thüringer Staatskanzlei ist das Porträt des deutschen Staatsoberhauptes der letztlich verbliebene Schmuck.

Präsidenten kommen und gehen. Das war schon immer so und in Demokratien ein nahezu natürlicher Vorgang. Aber so karg wie heute waren die Wände der heiligen Hallen in der Erfurter Regierungszentrale lang nicht mehr behangen. Seit der Bundespräsidentschaft von Richard von Weizäcker hat es immer wieder zunächst turnusmäßige und später geradezu hektische Bilderwechsel gegeben. Und mit der Präsidentschaft von Horst Köhler erinnerte sich auch der seinerzeit amtierende Ministerpräsident seiner Vorgänger im 1920 gegründeten Land Thüringen, was dazu führte, dass an der Stirnseite des Regierungssaales sechs schwarz-weiss Porträts von den vormaligen Vorsitzenden des Staatsminsteriums, Dr. Arnold Paulssen, bis zum Ministerpräsidenten Dr. Rudolf Paul ausgestellt wurden. Die hübsche Galerie vervollständigten die nach der friedlichen Revolution ins Amt gewählten Ministerpräsidenten Josef Duchac und Dr. Bernhard Vogel an der längeren Seite des Raumes – mit Platz für viele Nachfolger. Und nach der Landtagswahl 2009 gesellte sich der „Galerist“ und Ideengeber der illustren Männerrunde selbst in den Bilderreigen.

Seither regieren in der ehemaligen Kurmainzerischen Statthalterei nur noch Frauen. Die gute Stube wurde gemalert und die Bilder der Ministerpräsidenten in Reih und Glied gegenüber des Platzes der Regierungschefin aufgehangen. Dieses vis-à-vis mit den Vorgängern führte offensichtlich zu aufwallenden Gefühlen beim historischen Blick auf die  Vorgänger bei den neuen Hausherrinnen. Eine neuerliche Malerwut erfasste die selbsterklärte Dienstleistungszentrale mit der Folge, dass nun schon seit Wochen die „alten Männer“ aus dem Angesicht verbannt wurden. So bleibt den schwarz-roten Koalitionären das Phänomen des Déjà-vu erspart und die Erkenntnis: die Männer in der Staatskanzlei sind vorerst verschwunden.

SPD

„Er kann es“ ruft der eben frisch gekürte Millennium-Bambi-Preisträger und Altkanzler Helmut Schmidt aus und kürt seinerseits SPD-Hinterbänkler Peer Steinbrück, demokratisch durch und durch, zum SPD-Kanzlerkandidaten. So einfach kann Führung bei Sozialdemokraten sein.
In Thüringen ist das viel basisdemokratischer. Das geht dann so: Sucht die Kabinettschefin beim Koalitionspartner jemand zum reden, geht sie zu ihrem Vize. Wenn der nicht mag, verweist er auf seinen Fraktionschef. Nun kann es sein und man mag es kaum glauben, der mag auch nicht, dann ist der Ansprechpartner auf Augenhöhe manchmal dessen innenpolitischer Sprecher. Der darf dann entweder zu einem christdemokratischen Anliegen einfach „Nein“ sagen oder verweist seinerseits auf die Fraktion, die erst noch entscheiden müsse. Das Ergebnis bliebe offen.
Schöner mutet da doch an, wenn das Schwarz-rote Kabinett Steuern schätzt. Man redet, prüft und rechnet und präsentiert ein solides Ergebnis. Nur einer, der dem Kabinett nicht beiwohnen konnte, verkündet viele tausend Kilometer von der neuen Heimat entfernt, die geschätzten Zahlen der geschätzten Kollegen seien frisiert. Nun, ein Friseur täte ihm tatsächlich gut.
Was macht es da für Freude, wenn sich die Fachkollegen in einem Thema nicht gleich treu und brav einigen können. Spätestens wenn sich wegen schierer Unerreichbarkeit die Parlamentarischen nicht finden können, muss die linke und rechte Herzkammer der Koalition anfangen zu schlagen. Aber noch so wahre Freundschaft führt nicht immer zu sofortiger Klarheit, wenn linksseitig noch der Vize gefragt werden muss, der seinerseits seinen Widerpart im Wirtschaftsministerium fragen, dann aber bei dessen „Nein“ den Koalitionsausschuss bitten und natürlich danach erst die Fraktion tagen, um gegen Ende eine Koalitionsarbeitsgruppe in der Staatskanzlei angerufen, die Fraktion zum Ergebnis erneut befragt und zum Schluss den Fachkollegen das Thema zur treuen und braven Einigung wieder übergeben wird.
Am besten ist doch, die hiesigen Koalitionsfreunde ließen einfach Helmut Schmidt entscheiden. Wie einfach könnte Führung sein.

PS. Dies ist natürlich frei erfunden und soll des Koalitionsfriedens wegen ausdrücklich niedergeschrieben sein. Herzlichen Glückwunsch zu zwei Jahren Schwarz-rot.