Pia desideria

Fromme Wünsche. Der Theologe Philipp Jakob Spener veröffentlichte 1675 sein Hauptwerk pia desideria, was in den heutigen Nachdrucken mit den Zeilen „Umkehr in die Zukunft. Reformprogramm des Pietismus.“ überschrieben ist. In seiner Schrift beklagte er zum einen den Zustand seiner Kirche und ihrer Glieder und zum anderen wies er darauf hin, dass der Laienstand an mangelnder Orientierung leide. Jedoch so heisst es, habe Spener die biblische Verheißung eines besseren Zustandes der Kirche erkannt, der ihm Hoffnung gab und er daraus ein Programm vorschlug, dass seine Krönung vor allem in Vorschlägen zum Wiedereinzug der Laienmitarbeit und der Neuausrichtung der Predigten fand. Diese drei Teile, allgemeine Klage, Hoffnung und einfältige Vorschläge könnten auch das Schrittmaß für eine erfolgreiche Volkspartei sein.

Mit „Umkehr in die Zukunft“ hat auch die CDU bei der Wahl zur ersten und einzigen frei gewählten Volkskammer am 18. März 1990 für die Allianz für Deutschland geworben. Nun kann und darf man beim besten Willen die damalige CDU der DDR, die mit Hilfe ihrer großen West-Schwester einen grandiosen Wahlsieg einfuhr, nicht mit der heutigen CDU Deutschlands vergleichen. Dennoch gibt es Analogien. Nach der friedlichen Revolution verlor in den ersten Jahren der frühen Neunziger die vormalige Blockpartei in den neuen Ländern nahezu die Hälfte ihrer Altmitglieder. Insgesamt hat die CDU seit der Wiedervereinigung und dem Zusammenschluss von West- und Ost-CDU über ein Drittel ihrer Mitglieder verloren und verzeichnet nun erstmals seit knapp vierzig Jahren weniger als 500.000 Anhänger. Zuletzt war die Union in den Jahren 1973/74 organisatorisch so schwach aufgestellt. Damals folgten aber Jahre des großen Mitgliederzulaufes, heute ist, nicht zuletzt durch die demografische Entwicklung bedingt, das Gegenteil zu erwarten.

Aber warum wenden sich langjährige Mitglieder ab und bleiben Neumitglieder in großer Zahl aus? Mitglied in einer großen Volkspartei zu sein, muss mit Stolz erfüllen, Freude bereiten und einen Mehrwert bringen. Deshalb müssen die, die führen, auch zuhören, erklären, begeistern, mitnehmen, beteiligen, sich kümmern und neugierig machen. Verlässlichkeit garantieren, Orientierung geben und in längeren Linien denken, dies erwarten die Mitglieder und Wähler von bürgerlichen Parteien. Und warum sollte es falsch sein, ab und an seine eigene Positionierung zu überdenken, wenn die große Mehrheit der eigenen (Laien)Mitglieder von anderen Überzeugungen getragen ist.

Es dürfte den beiden protestantischen Pfarrerstöchtern, die uns regieren, eigentlich nicht schwer fallen, diese Wünsche zu erfüllen. Sie könnten es.

Aber wie heisst es doch bei Wikipedia zum Reformprogramm des Pietismus: als gelehrte Redensart bezeichnet pia desideria gut gemeinte, aber unerfüllbare Wünsche.