Before I Fall

Ich habe hier sehr lange nicht mehr geschrieben. Neue Ideen, neue Projekte, neue Aufgaben. Immer kam etwas dazwischen und die Zeit war knapp. Aber wann ist genug Zeit? Wenn ich ehrlich bin, in dem Moment wo ich die Zeit zum schreiben tatsächlich finden würde, hätte ich vermutlich meine heutigen Funktionen nicht mehr inne. Und das Interesse hier auf diesem Blog vorbei zu schauen, dürfte dann eh verschwindend gering sein.

Vorgestern ist Thomas, ein treuer Freund und Kamerad, von uns gegangen. Kamerad ist nicht mein Sprachgebrauch, aber ich musste an Stahlo, einen gemeinsamen Freund von Thomas und mir denken, es ist seine Form der Begrüßung von ihm wichtigen Menschen. Er hat einen seiner Söhne früh verloren und ich fühlte mich ihm sofort nach der traurigen Nachricht verbunden. Nun ist Thomas mit gerade einmal 47 Jahren aus dem Leben geschieden. Ihm hat die Kraft nach einer Transplantation der Lunge gefehlt. Thomas war Handwerksmeister. Steinmetz mit Leib und Seele. Ein guter Kerl. Stolzer Vater. Hoch engagiert in der Handwerkskammer und bei uns in der CDU. Wir beide haben uns in der Jungen Union Weimarer Land kennengelernt und von Anfang an gut verstanden. Ein treuer Freund im Leben und im Politischen. Verabschieden konnte ich mich nicht, das lies der schnelle Verlauf der Krankheit nicht zu. Noch im März haben wir ihn wieder zum stellvertretenden Ortsvorsitzenden gewählt und im Fernsehen konnte ich ihn durchs Bild laufen sehen, als er mitten in den Aufbauarbeiten für die Landesgartenschau steckte. Es ist zum Verzweifeln. Man hört von der Krankheit, freut sich über ein frohes Wiedersehen. Sieht die Veränderungen und plötzlich ist eine Transplantation akut. Hoffnung danach. Und dann, nichts.

Was würdest du tun, wenn du wüsstest, das heute dieser letzte Tag wäre? Before i fall ist ein Jugendroman von Lauren Oliver der nun auch verfilmt wurde und der Romanfigur ihren letzten Tag immer und immer wieder erleben lässt, bis sie ihr Leben an diesem Tag so bewusst erlebt, das sie loslassen kann. Auch das Magazin CICERO lässt Monat für Monat Persönlichkeiten zu ihren letzten 24 Stunden zu Wort kommen. Mich bedrückt diese Frage. Und in manchen Momenten denke ich schier unendlich darüber nach. Ich erinnere mich an ein Gespräch als Kind mit meiner Mutter. Ich weiss nicht mehr, warum wir überhaupt dieses Thema an uns heran gelassen haben. Vielleicht war es ein trauriger Film. Aber ich vergesse einfach nicht, dass wir uns weinend in den Armen lagen, aus Angst, das es eines fernen Tages ein Abschied für immer geben würde. Wir finden Trost in der Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort haben wird. Das Leben aber bewusster zu leben, den Augenblick zu genießen, Freunde wertzuschätzen, sich Zeit zu nehmen, die Familie zu lieben, sich nicht vor der Erkenntnis zu verschließen, das auch der andere Recht haben könnte und einzugestehen, nicht fehlerlos zu sein – das ist alles irdisch. Das Leben gemeinsam erzählen und an die erinnern, die wir so sehr vermissen, das liegt an uns selbst.

Lieber Thomas, dein Leben ist nicht zu Ende erzählt. Nicht nur deshalb lebst du in unseren Herzen weiter.

Pia desideria

Fromme Wünsche. Der Theologe Philipp Jakob Spener veröffentlichte 1675 sein Hauptwerk pia desideria, was in den heutigen Nachdrucken mit den Zeilen „Umkehr in die Zukunft. Reformprogramm des Pietismus.“ überschrieben ist. In seiner Schrift beklagte er zum einen den Zustand seiner Kirche und ihrer Glieder und zum anderen wies er darauf hin, dass der Laienstand an mangelnder Orientierung leide. Jedoch so heisst es, habe Spener die biblische Verheißung eines besseren Zustandes der Kirche erkannt, der ihm Hoffnung gab und er daraus ein Programm vorschlug, dass seine Krönung vor allem in Vorschlägen zum Wiedereinzug der Laienmitarbeit und der Neuausrichtung der Predigten fand. Diese drei Teile, allgemeine Klage, Hoffnung und einfältige Vorschläge könnten auch das Schrittmaß für eine erfolgreiche Volkspartei sein.

Mit „Umkehr in die Zukunft“ hat auch die CDU bei der Wahl zur ersten und einzigen frei gewählten Volkskammer am 18. März 1990 für die Allianz für Deutschland geworben. Nun kann und darf man beim besten Willen die damalige CDU der DDR, die mit Hilfe ihrer großen West-Schwester einen grandiosen Wahlsieg einfuhr, nicht mit der heutigen CDU Deutschlands vergleichen. Dennoch gibt es Analogien. Nach der friedlichen Revolution verlor in den ersten Jahren der frühen Neunziger die vormalige Blockpartei in den neuen Ländern nahezu die Hälfte ihrer Altmitglieder. Insgesamt hat die CDU seit der Wiedervereinigung und dem Zusammenschluss von West- und Ost-CDU über ein Drittel ihrer Mitglieder verloren und verzeichnet nun erstmals seit knapp vierzig Jahren weniger als 500.000 Anhänger. Zuletzt war die Union in den Jahren 1973/74 organisatorisch so schwach aufgestellt. Damals folgten aber Jahre des großen Mitgliederzulaufes, heute ist, nicht zuletzt durch die demografische Entwicklung bedingt, das Gegenteil zu erwarten.

Aber warum wenden sich langjährige Mitglieder ab und bleiben Neumitglieder in großer Zahl aus? Mitglied in einer großen Volkspartei zu sein, muss mit Stolz erfüllen, Freude bereiten und einen Mehrwert bringen. Deshalb müssen die, die führen, auch zuhören, erklären, begeistern, mitnehmen, beteiligen, sich kümmern und neugierig machen. Verlässlichkeit garantieren, Orientierung geben und in längeren Linien denken, dies erwarten die Mitglieder und Wähler von bürgerlichen Parteien. Und warum sollte es falsch sein, ab und an seine eigene Positionierung zu überdenken, wenn die große Mehrheit der eigenen (Laien)Mitglieder von anderen Überzeugungen getragen ist.

Es dürfte den beiden protestantischen Pfarrerstöchtern, die uns regieren, eigentlich nicht schwer fallen, diese Wünsche zu erfüllen. Sie könnten es.

Aber wie heisst es doch bei Wikipedia zum Reformprogramm des Pietismus: als gelehrte Redensart bezeichnet pia desideria gut gemeinte, aber unerfüllbare Wünsche.

Hoffnung

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Die 14 Stationen des Kreuzweges Jesu erinnern an dessen Leiden. Vierzehn monumentale Skulpturen markieren auf dem ehemaligen Todesstreifen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze zwischen Hessen und Thüringen auch die alte Grenze zwischen Freiheit und Unfreiheit. Die Assoziation an den biblischen Kreuzweg ist gewollt und war eine Idee der Point Alpha Stiftung. In den letzten Jahren schuf die Stiftung ein Kunstprojekt, den „Weg der Hoffnung“ als Kunstwerk, Mahnmal und Anstoß. Deswegen stand auch in diesem Jahr Point Alpha wieder im Mittelpunkt unserer Pfingstwanderung.
Spätestens die XII. Station erinnert unweigerlich an gegenwärtige Thüringer Politik. Verzweiflung. Man hofft, dass den Minister, der sich auch für Kunst und Kultur verantwortlich zeichnet, der Heilige Geist erfüllt. So vieles ist zerbrochen. Das Verhältnis zu den Lehrern und Eltern bei der zähen Debatte um eine unnötige Schulordnungsreform. Jenes zur wichtigen Klassik-Stiftung und ihres wieder gewählten Präsidenten. Das Vertrauen in die Diskursfähigkeit eines Politikers, der eine Diskussion um gute Bildungspolitik einseitig für beendet erklärt. Ist das der Geist Willy Brandt’s, der „Mehr Demokratie wagen!“ in den Schoß sozialdemokratischer Politik gelegt hat? Das soll der im Herbst 2009 von ihm angekündigte neue Stil in der Thüringer Landespolitik sein?
So vieles ist ungelöst. Der neue Hochschulpakt muss verhandelt, die Theater- und Orchesterfinanzierung geklärt und endlich die Stelle für den neuen Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde gesichert und zugleich der Landeshaushalt konsolidert werden. Für dies alles ist der Minister des Schwarz-Roten Thüringer Kabinetts zuständig.

Die CDU weiss, das sie ihm die Koalition zu verdanken hat. Aber was bleibt, wenn der Politiker ein anständiger Mensch, der Mensch aber ein Minister mit Scheuklappen ist. Es ist zum verzweifeln. Doch wie heisst die XIV. Station des Kreuzweges im so genannten Fulda Gap: Hoffnung.