Zebrastreifen

Es gibt Situationen im Leben, da fragt man sich, warum machen das die Leute. Sie kennen diese Momente des Fremdschämens, wenn der Urlaubsflieger landet und Gisela und Horst aus Grevenbroich anfangen zu klatschen. Noch verwunderlicher ist es aber, wenn die Leute unmittelbar nach der Landung aufspringen, ihr Handgepäck mühsam aus dem Ablagefach kramen und sage und schreibe gefühlte zehn Minuten halb gebückt unter der Ablage im Flieger stehen und warten, von Bord gehen zu können. Alles ganz eilig, um im Bus und am Gepäckband wieder neben einem stehen zu dürfen.

Es gibt diese Paare, die sich im Restaurant am Tisch gegenübersitzen und es fertig bringen, zwei Stunden nicht ein Wort miteinander zu reden. Gut, immer noch besser, als zwei Stunden jeder für sich während des Essens permanent auf dem Handy zu wischen, tippen und rum zu spielen.

Und dann gibt es die, die am Zebrastreifen stehen und warten und garantiert erst dann loslaufen, wenn ein Auto nah genug an den Zebrastreifen herangefahren ist. Man provoziert den möglichen Crash, hat aber einen guten Grund, das eigene Fehlverhalten jemand anderem zuschieben zu können und für den Schaden verantwortlich zu machen.

Mich erinnert das an das Chaos um die Gebietsreform in Thüringen. Ramelows Linkskoalition versinkt geradezu darin. Erst peitschen die rot-rot-grünen Koalitionäre ein Vorschaltgesetz durch das Parlament, was niemand außer den Thüringer Sozialdemokraten gebraucht hat, nur um zu beweisen, dass sie jetzt niemand mehr bei ihrem Traum von Gebietsreform aufhalten kann. Dann scheitern sie mit dem Gesetz an der Verfassung, verklagen das Volk, das sich aufgemacht hat mit über 140.000 Unterschriften einen Volksentscheid über die Gebietsreform zu erzwingen und dann läuft alles aus dem Ruder. Weimar und Gera werden die Kreisfreiheit genommen, zurückgegeben, dann die Gabe auf acht Jahre begrenzt, um am Ende alles wieder in Frage zu stellen. Dann sollen die Wahlperioden der Kreistage um ein Jahr verkürzt werden, weil das scheitert, die der Landräte ohne Wahl verlängert werden. Das bringt selbst sozialdemokratische Landräte und alle linken Landrätinnen auf die Palme.

Und was machen Bodo und der arme Holger? Sie warten am Zebrastreifen bis der Crash unvermeidlich ist. Aber ist das verantwortliche Politik? Nein.

Stuckrad Late Night

Wenn das Öffentlich-Rechtliche meint, mit Gebührenzahlergeldern weitere Spartenkanäle zu platzieren, vermuten manche nicht zu Unrecht einen gebührenfinanzierten Markteingriff. Dennoch: es gibt auch eine Menge sehenswertes.

Stuckrad’s Late Night auf ZDFneo zum Beispiel. Auf der Website bei zdf.de heisst es zur Sendung u.a.: „Benjamin von Stuckrad-Barre ist Gastgeber der (neuen) Late-Night-Sendung in ZDFneo. Produzent Christian Ulmen und sein ‚Frontmann‘ öffnen die Bühne im Ballhaus Rixdorf in Berlin-Neukölln für 45 Minuten ‚deutsches Theater‘, aktuellen Wochenrückblick und Talkshow. Im ersten Teil der Sendung nähert sich Stuckrad-Barre als ‚teilnehmender Beobachter‘ den großen und den unerheblichen Themen der Woche auf seine Weise: mit Lust auf Wirklichkeit und Spaß am politischen und gesellschaftlichen Betrieb unseres Landes. In der zweiten Hälfte empfängt Stuckrad-Barre einen prominenten Gast zum freundlichen, mal sachlichen, mal spielerischen Schlagabtausch. ‚Am schönsten ist es doch, sich die Welt von den Leistungsträgern unseres Landes erklären zu lassen. Jede Woche wieder‘, sagt Stuckrad-Barre.“

Diese Talkshow hat was. Schick, schnell, verschwitzt, politisch, witzig, arrogant, cool.

Übrigens: Schick war Bodo Ramelow bei seinem Auftritt im Februar nicht. Auch nicht witzig, dafür arg angefressen. Okay, immerhin, er war eingeladen. Aber mit diesem schwarzen filzigen Sakko wollte er es mit Stuckrad-Barre aufnehmen und eine offene Rechnung begleichen? Grenzenloses fremdschämen blieb uns trotzdem erspart, denn der LINKE Ex-MdB trat wenigstens nicht in seinem ewigen sehr hellen Sommeranzug auf.

Hellmuth Karasek erinnerte mit seiner Lesung aus dem Online-Tagebuch des Ex-MP-Kandidaten was diesem völlig abgegangen ist: statt Opposition lieber Yoga, statt Haushaltsberatung im Parlament lieber Mandalas ausmalen.

Dagegen beweist Benjamin von Stuckrad-Barre jedenfalls was geht, wenn einem der eigene Job noch Spaß macht. Er ist nicht nur lesenswert, sondern auch im Fernsehen sehenswert.

Mehr auf http://neo.zdf.de/ZDFde/inhalt/8/0,1872,8169032,00.html und immer Donnerstags auf ZDFneo um 22:30 Uhr und als Podcast feed://www.zdf.de/ZDFmediathek/podcast/1297808?view=podcast.